Tätigkeitsbericht 2017/2018 Überwachungskommission und Prüfungskommission TPG

06.10.12: Nach Regensburg und Göttingen: Transplantationsskandal in Münchner Klinikum rechts der Isar

06.10.12: Nach Regensburg und Göttingen: Transplantationsskandal in Münchner Klinikum rechts der Isar

Ergänzung 27.10.12: Weitere Verdachtsmomente auf Richtlinienverstöße bei Organspenden: Münchener Klinikum rechts der Isar stoppt Warteliste für Lebertransplantationen

Bild Eingang Klinikum rechts der Isar MünchenIm Klinikum rechts der Isar in München bahnt sich ein neuer Transplantationsskandal an. Auch dort soll gegen Regeln bei der Organverpflanzung verstoßen worden sein. Konkret geht es darum, dass in mindestens einem Fall manipulierte Laborwerte zu einer Transplantation geführt haben könnten. „Daher haben wir sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und werden nun alles daran setzen, dass dieser äußerst bedauerliche Vorgang aufgeklärt wird“, so Prof. Reiner Gradinger, Ärztlicher Direktor des Klinikums in einer Pressemitteilung vom 02.10.12. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, könne man zu den beteiligten Personen und den näheren Umständen keine Angaben machen. Eine Woche zuvor hatte die Klinik eine bewusste Fälschung bestritten.

Doch dies scheint nicht alles zu sein. Wie die Süddeutsche Zeitung am 05.10.12 berichtete sollen im Klinikum rechts der Isar auch Alkoholiker, die nicht vollständig trocken waren, Lebern erhalten haben – darunter eine schwere Trinkerin, die wenige Tage nach der Transplantation starb. Dies wäre ein Verstoß gegen Transplantationsrichtlinien gewesen, denn Alkoholiker dürfen nur dann transplantiert werden, wenn sie mindestens sechs Monate völlige Alkoholabstinenz eingehalten haben. Das Klinikum bestritt jedoch die Vorwürfe in Bezug auf die Frau. Die Tageszeitung taz berichtet zudem, dass in München zwei Krebspatienten neue Organe bekommen haben sollen, die bereits Metastasen im Körper hatten. Auch dies wäre ein Verstoß gegen Transplantationsregeln gewesen. Klinikdirektor Gradinger widersprach dem unter Verweis darauf, dass es sich in den Fällen nur um sehr langsam wachsende Metastasen gehandelt habe.

Hintergrund für die Verstöße könnte möglicherweise der interne Druck im Klinikum hin zu mehr Transplantationen gewesen sein. Denn es habe bereits seit 2006 die Gefahr bestanden, dass Lebern aufgrund der vorangegangenen geringen Fallzahlen künftig nur noch im Konkurrenzkrankenhaus in Großhadern transplantiert werden. Binnen vier Jahren stieg laut der Süddeutschen Zeitung die Zahl der verpflanzten Lebern im Klinikum rechts der Isar von 14 im Jahr 2007 auf 37 im Jahr 2011.

Bisherige interne Untersuchungen

Wie das Klinikum rechts der Isar am 02.10.12 mitteilte, hat der Vorstand des Klinikums in Reaktion auf die vor gut zwei Monaten aufgedeckten Vorfälle in Göttingen und Regensburg bereits am 6. August eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe beauftragt, in einem internen Audit alle im Münchner Klinikum durchgeführten Lebertransplantationen der letzten Jahre im Detail zu überprüfen. Die Arbeitsgruppe habe alle 163 Lebertransplantationen untersucht, die zwischen Januar 2007 und Juli 2012 am Klinikum durchgeführt wurden. Das interne Audit habe „einzelne Auffälligkeiten“ ergeben. Um diese Auffälligkeiten transparent und lückenlos aufzuklären, sei der Bericht des Audits in Absprache mit dem bayerischen Wissenschaftsministerium am 24. August an die Bundesärztekammer sowie an die Staatsanwaltschaft München zur Prüfung weitergeleitet worden.

Die Prüfungskommission der Bundesärztekammer habe dem Klinikum am 27. September Fragen zu neun Transplantationsfällen zugesandt. Im Rahmen der Recherchen hätten die Verantwortlichen des Klinikums Hinweise erhalten, dass möglicherweise in einem der genannten neun Fälle eine bewusste Manipulation der Laborwerte stattfand. Diese Hinweise habe der Vorstand am 1. Oktober, unmittelbar nachdem er davon Kenntnis erlangt hat, in Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

„Dass Fehler passiert sind, bedauern wir sehr. Wir müssen prüfen, wie wir für die Zukunft ausschließen können, dass Fehler und Täuschungsversuche vorkommen“ erklärte Klinikdirektor Prof. Reiner Gradinger. „Wir haben die Vorfälle schon im August zum Anlass genommen, die Prozesse für die Dokumentation und Qualitätskontrolle im Transplantationszentrum grundlegend zu überarbeiten, um für die Zukunft Unregelmäßigkeiten auszuschließen. Selbstverständlich unterstützen wir darüber hinaus die weitere Arbeit der Prüfungskommission und natürlich auch der Staatsanwaltschaft ohne jede Einschränkung. Dass alle Vorfälle vollständig aufgeklärt werden, ist mir auch persönlich sehr wichtig“, beteuerte Gradinger.

Grüne im bayerischen Landtag fordern Aufklärung des Transplantationsskandals

T. SchopperUnterdessen forderten die Grünen im bayerischen Landtag eine umgehende und komplette Aufklärung des Transplantationsskandals am Münchner Klinikum rechts der Isar. „Falls wirklich Alkoholkranke, die nicht vollständig trocken waren, Spenderorgane bekommen haben, ist dies ein ungeheuerlicher Vorgang“, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Theresa Schopper in einer Presseaussendung vom 5. Oktober. „Das ist nicht nur gegen geltende Richtlinien, sondern unterminiert die Organspende komplett.“ Die Landtagsgrünen fordern, dass der Gesundheitsausschuss so schnell wie möglich informiert wird. „Momentan gibt es hier Unregelmäßigkeiten, deren Ausmaß sich niemand vorstellen konnte“, so Schopper.

Aus der CSU werden angesichts der immer neuen Manipulationsfälle bei Transplantationen mittlerweile Rufe nach einer umfassenden Neuregelung der Organspende laut. So forderte laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau vom 04.10.12 der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Johannes Singhammer (CSU), in einem Brief an Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), sowohl eine staatliche Aufsicht über die Organisation der Organspende als auch eine Beteiligung des Staates bei der Festlegung der Richtlinien für die Organvergabe. Bisher werden die Richtlinien allein von der Ärzteschaft bestimmt. Die bisher vereinbarten Schritte reichten nach Ansicht Singhammers nicht aus, um den entstandenen Vertrauensverlust zu beheben.

Der Deutsche Bundestag hatte erst kürzlich eine Neuregelung der Organspende verabschiedet. Kritiker monierten dabei die Neuregelung als nicht ausreichend, um wirklich Transparenz zu schaffen. Bei einem Spitzentreffen im Bundesgesundheitsministerium am 27. August versprachen die Akteure mehr Transparenz und Kontrolle bei Organspenden. Es bleibt abzuwarten, wann und vor allem welche Taten folgen werden (siehe das Themenspecial vom 30.08.12).

Ergänzung 27.10.12: Weitere Verdachtsmomente auf Richtlinienverstöße bei Organspenden: Münchener Klinikum rechts der Isar stoppt Warteliste für Lebertransplantationen

Der Ende September aufgekommene Transplantationsskandal am Münchener Klinikum rechts der Isar scheint sich auszuweiten. Auf Empfehlung des Aufsichtsratsvorsitzenden Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch hat der Vorstand des Klinikums rechts der Isar der TU München daher jetzt beschlossen, zunächst keine neuen Patienten auf die Warteliste für Lebertransplantationen aufzunehmen. „Die intensiven Prüfungen der vergangenen Wochen und Monate haben weitere Verdachtsmomente auf Richtlinienverstöße aufgedeckt. Diesen wird im Detail nachgegangen. Vor diesem Hintergrund habe ich dem Klinikum rechts der Isar empfohlen, die Lebertransplantationen bis auf Weiteres ruhen zu lassen“, erklärte Heubisch in einer Presseaussendung vom 26.10.12. Konkretere Details zu den „weiteren Verdachtsmomenten“ nannte der Minister allerdings nicht.

Der Ärztliche Direktor Prof. Reiner Gradinger habe derzeit eine Task Force unter Leitung seines Stellvertreters Prof. Bernhard Meyer damit betraut, eine intensive Untersuchung der Lebertransplantationen der vergangenen Jahre vorzunehmen. Ziel der in Umfang und Tiefe deutlich ausgeweiteten Untersuchung sei es, „vollständige Transparenz über die Lebertransplantationen der vergangenen Jahre zu schaffen und erkannte Schwachstellen zu beseitigen“. „Auch wenn die Verdachtsmomente noch nicht abschließend untersucht sind, werden derzeit keine neuen Patienten auf die Warteliste für Lebertransplantationen aufgenommen. Die Patienten, die derzeit noch auf der Warteliste stehen, werden auch weiterhin vom Klinikum betreut und erhalten bei entsprechendem Spenderangebot eine Transplantation“, hieß es weiter.

Die Neustrukturierung des Transplantationsprogramms werde unter Federführung des kommissarischen Leiters des Transplantationszentrums zügig fortgesetzt. Der Aufsichtsrat des Klinikums hatte zuvor Anfang Oktober beschlossen, die Transplantationsmedizin in einem eigenständigen Zentrum neu zu organisieren. Hintergrund für die Umstrukturierung waren festgestellte „organisatorische und kommunikative Defizite im Bereich der Lebertransplantation“ am Klinikum rechts der Isar, hieß es damals in einer Pressemitteilung.

Expertenkommission zur Überprüfung der bayerischen Transplantationszentren nimmt Arbeit auf

Unterdessen teilte das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst am 26.10.12 mit, dass an diesem Tag die Expertenkommission zur Überprüfung der bayerischen Transplantationszentren ihre Arbeit aufgenommen hat und sich die Lebertransplantationszentren in Bayern der Überprüfung stellen. Dies hatte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch bereits Mitte August mit den Transplantationszentren vereinbart.

Vorsitzender der Kommission ist Professor Ferdinand Mühlbacher, Leiter der Universitätsklinik für Chirurgie und Leiter der Klinischen Abteilung für Transplantation, Medizinische Universität Wien. Neben Mühlbacher gehören der Kommission Vertreter der Bayerischen Landesärztekammer sowie des Bayerischen Wissenschafts- und des Gesundheitsministeriums an. Außerdem ist jeweils ein Vertreter der Universitätsklinika dabei. Diese wurden laut Ministerium so ausgewählt, dass verschiedene in die Transplantationen involvierte Fachdisziplinen abgedeckt sind.

Basis der Arbeit der Expertenkommission sollen zum einen die internen Prüfberichte und Strukturpapiere sein, die die Transplantationszentren in den vergangenen Wochen erstellt haben. Zum anderen sollen die aktuellen Wartelisten der Zentren überprüft werden. Herzstück seien die Begehungen vor Ort. In den nächsten Wochen werde die Kommission jedes Lebertransplantationszentrum jeweils einen Tag besuchen. Dabei sollen Strukturen, Abläufe, Dokumentation und Kommunikationswege durchleuchtet werden. Ziel der Kommission ist es, die Besuche der fünf Transplantationszentren noch in diesem Jahr durchzuführen. Im kommenden Jahr werde die Kommission dann einen Abschlussbericht mit konkreten Handlungsempfehlungen vorlegen.

„Wir haben in Bayern hervorragende Universitätsklinika. Es ist wichtig, trotz der Vorfälle im Transplantationsbereich keinen Generalverdacht zu erheben“, betonte Wissenschaftsminister Heubisch „Gleichzeitig müssen sämtliche Verdachtsfälle bei den Lebertransplantationen schnell und vollständig aufgeklärt werden. Hier sind sowohl die Prüfungskommission der Bundesärztekammer als auch die Staatsanwaltschaft aktiv. Zusätzlich müssen wir aber dafür sorgen, dass Fehler in Zukunft möglichst ausgeschlossen sind, um so das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. An dieser Stelle setzt die Arbeit der Kommission an“, erklärte der Minister. „Ziel unserer Arbeit ist es, Abläufe und Strukturen zu prüfen und zu vergleichen und davon ausgehend Prozessverbesserungen zu erarbeiten“, so Professor Mühlbacher.

Weiterführende Informationen:

Presseschau zum Transplantationsskandal im Klinikum rechts der Isar in München

Ergänzend haben wir in eine Presseschau mit einer Auswahl an Meldungen zum Transplantationsskandal im Klinikum rechts der Isar in München zusammengestellt. Diese Zusammenstellung wird gegebenenfalls weiter ergänzt.