Lebendspende / Organhandel

Lebendspende von Organen / Organhandel

Als „Alternative“ zur sogenannten postmortalen Organspende, d.h. der Entnahme von Organen nach festegestelltem Hirntod, wird die Lebendspende gesehen. Stark diekutieret wurde dies 2010 als der ehemalige Außenminister und SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier eine Niere für seine kranke Frau gespendet hatte. Dafür bekam er großen Zuspruch und Bewunderung und brachte Bewegung in die Debatte über eine Reform des Transplantationsgesetzes.

Doch Lebendspenden sind durchaus nicht ohne Risiko, auch wenn dies öfters so suggeriert wird. Ein richtungsweisendes Urteil von Anfang 2019 zu den Folgen einer Nierenspende und die vorherige mangelhafte Aufklärung macht dies deutlich.

Nachfolgend finden Sie Hintergrundinfos zum Thema Lebendspende von Organen sowie eine chronologische Zusammenstellung zur Debatte. Weitere Ergänzungen und ausführlichere Infos folgen in den nächsten Tagen, ebenso zum Thema Organhandel (Stand 28.02.19).

Hintergrundinfos zur Lebendspende

  • Organlebendspende: Routine – Tabubrüche – Systemtragik
    Der Mensch, der in Narkose vor dem Operateur auf dem OP-Tisch liegt, ist nicht sein Patient, er ist ein Gesunder, in Top-Form, wie eingehende Voruntersuchungen ergeben haben. Von einer Arzt-„Patient“-Beziehung kann nicht die Rede sein. Das Paradoxon des geplanten Eingriffs liegt in der Tatsache, dass gerade die Gesundheit des Menschen, der operiert wird, die Indikation für die Operation darstellt. Das Szenario enthält noch einen weiteren makabren Akzent: Das Organ, das der Operateur entfernt, beispielsweise eine Niere, ist völlig intakt. Der ärztlich vollzogene verstümmelnde Eingriff an einem Menschen ohne therapeutische Intention fällt in die Kategorie fundamentaler Herausforderungen medizinethischer Grundprinzipien. Gibt es, so fragt Linus S. Geisler, eine valide Legitimation dafür, dass der Arzt, als „Leibwächter“ des Menschen, mit Zustimmung des Geschädigten zum Schädiger des Leibes werden darf?
    Beitrag von Linus S. Geisler
    Universitas, 59. Jahrgang, Nr. 702, Dezember 2004, S. 1214-1225
     
  • Geisler, Linus S.: Überkreuz-Lebendspende. Sachstand, Rechtssprechung, Hintergrunde
    Aufgrund der Knappheit von Spenderorganen wird derzeit von verschiedenen Seiten eine Ausweitung der Lebendorganspende – und hier auch der sogenannten Überkreuz-Lebendspende – vorgeschlagen. Das Bundessozialgericht hat die notwendigen Voraussetzungen für eine solche Überkreuzspende nun nochmal festgelegt.
    Von Linus S. Geisler
    Die Überkreuz-Lebendspende – auch Crossover-Spende genannt – stellt quantitativ ein äußerst kleines Problem dar. Nach Einschätzung von Transplantationsmedizinern kommt sie in Deutschland für fünf bis sechs Paare pro Jahr infrage. Gemessen daran nimmt sie in der Lebendspendedebatte einen unverhältnismäßig großen Raum ein.
    Veröffentlicht in: CHIRURGISCHE ALLGEMEINE, 5. Jahrgang, November/Dezember 2004, S. 464.465
     
  • Organspende & Organspender
    Lebendorganspende, Leberlebendspende, EDHEP/Donor Action, Non-heart-beating-donor, Komplikationen
    Infos zusammengestellt von Roberto Rotondo
     

Chronologische Informationen zur Debatte um Lebendspenden und Organhandel

09.02.19: Richtungsweisendes BGH-Urteil zur gesetzlichen Aufklärung bei Nierenlebendspende

BundesgerichtshofDer VI. Senat des Bundesgerichtshofs (BGH) hat am 29.01.2019 in Karlsruhe in zwei Fällen von nicht ordnungsgemäß aufgeklärten Nierenlebendspendern (Aktenzeichen VI ZR 495/16 und VI ZR 318/17) richtungsweisende Urteile gefällt.

Der BGH hat in seiner Grundsatzentscheidung die Anwendung der „hypothetischen Einwilligung“ im Zusammenhang mit Organlebendspenden verneint. Somit kann künftig kein fehlerhaft aufklärender Arzt nach der Spende darauf bestehen, dass der Spender bei richtiger Aufklärung ohnehin gespendet hätte.

» Mehr zum Bundesgerichsthof-Urteil zur Aufklärung bei einer Nierenlebendspende


20.02.2016 Verstößt die Nierenlebendspende gegen das Transplantationsgesetz?

Die Interessengemeinschaft Nierenlebendspende e. V. (IGN e. V.) fordert eine juristisch-ethische Diskussion darüber, ob die Nierenlebendspende gegen das Transplantationsgesetz verstößt.

Mehr im Themenspecial „Verstößt die Nierenlebendspende gegen das Transplantationsgesetz?“


2010

18.09.10: Nach Steinmeiers Nierenspende: Debatte über Widerspruchslösung bzw. Zwangserklärungsregelung bei Organspenden – Teil 2

Ende August 2010 hat der ehemalige Außenminister und derzeitige SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier mit der Nierenspende für seine kranke Frau großen Zuspruch und Bewunderung geerntet und Bewegung in die Debatte über eine Reform des Transplantationsgesetzes gebracht. Nun gibt es erste Initaitiven aus der Politik, hin zu einer Widerspruchslösung bzw. Zwangserklärungsregelung bei Organspenden. Mehr dazu im folgenden Themenspecial inkl. aktueller Ergänzung am 20.09.10 und 10.11.10.

Weiter zum Themenspecial zur Debatte über eine Widerspruchslösung bzw. Zwangserklärungsregelung bei Organspenden – Teil 2


19.05.10: Neue EU-Richtlinie zu Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Organtransplantationen: Kürzere Wartezeiten bei Organspenden

Personen, die eine Organspende benötigen, sollen in Zukunft mit kürzeren Wartezeiten rechnen können. Die diesbezügliche EU-Richtlinie zu Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Organtransplantationen ist am Mittwoch vom Europäischen Parlament verabschiedet worden. Die Richtlinie deckt alle Stufen von der Spende bis zur Transplantation ab und unterstützt die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten. Die Abgeordneten haben außerdem die Entschließung des Aktionsplans zu Organspenden angenommen.
PRESSEMITTEILUNG Europäisches Parlament 19.05.10

Europäisches Parlament: Qualitäts- und Sicherheitsstandards für zur Transplantation bestimmte menschliche Organe
Text angenommen im Europäischen Parlament am 19. Mai 2010.
Hier finden Sie die Entschließung, den Konsolidierten Text, diverse Anlagen und alles zum Verfahren bis zur Abstimmung.


30.04.10: Bezahlte Organspenden werden europaweit verboten

Strenge Qualitäts- und Sicherheitsstandards sollen Austausch mit der Europäischen Union erleichtern
Europäisches Parlament und Ministerrat einigen sich auf Regeln zur Organspende
PRESSEMITTEILUNG Dr. Peter Liese MdEP, EVP-ED, 30.04.10


2009

14.10.09: Gemeinsame Studie des Europarates und der Vereinten Nationen fordert internationale Konvention zur Bekämpfung des Organhandels

New York – Ein neues internationales Abkommen wird zur Verhinderung des Handels mit Organen, Gewebe und Zellen (OGZ), zum Schutz von Opfern und zur Verfolgung von Straftätern benötigt, dies ist die Empfehlung einer gemeinsamen Studie des Europarates und der Vereinten Nationen, die heute veröffentlicht wurde.
PRESSEMITTEILUNG Europarat 13.10.09

Joint Council of Europe/United Nations Study on trafficking in organs, tissues and cells and trafficking in human beings for the purpose of the removal of organs
Informationen des Europarates zu Organspende


2008

25.04.08: Europäische Parlament berät über Organspende in Europa

Derzeit berät das Europäische Parlament über Organspende in Europa. Mehr dazu in den Hintergrundberichten und in den zugehörigen Dokumenten.

Hintergrundartikel:

EU-Spenderausweis zum Kampf gegen Organhandel
Da sich derzeit 40.000 Patienten in Europa auf der Warteliste für eine Organtransplantation befinden, hat das Europäische Parlament die Idee der Kommission unterstützt, einen EU-Organspenderausweis einzuführen um so die bestehenden nationalen Systeme zu ergänzen und dem starken Mangel an Organen Abhilfe zu schaffen.
EURACTIV.COM 24.04.08

Organmangel, Transplantationsrisiken und Organhandel bekämpfen
Für das Europäische Parlament ist die Reduzierung des Organmangels „die größte Herausforderung an die EU-Mitgliedstaaten im Bereich Organtransplantation“. Die Abgeordneten schlagen u.a. die Einführung eines europäischen Organspendeausweises, die gemeinsame Nutzung eines Organpools sowie die Einrichtung einer Transplantations-„Hotline“ vor.
PRESSEMITTEILUNG Europäische Parlament 22.04.08

Europaabgeordnete: „Kommerzialisierung von Organspenden vermeiden“
Straßburg – Das Europäische Parlament (EP) hat sich mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, die Bereitstellung von Spenderorganen in der Europäischen Union (EU) zu fördern und Mindeststandards für die Qualität und Sicherheit von Organstransplantationen zu erlassen.
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT 22.04.08

Leben retten durch einheitliche Gesetze
Organspenden in Europa
Von Alois Berger
DEUTSCHLANDFUNK 21.04.08

Dokumente zum Thema:

Organspende und -transplantation: Maßnahmen auf EU-Ebene
Entschließung des Europäischen Parlaments vom 22. April 2008 zu Organspende und -transplantation: Maßnahmen auf EU-Ebene (2007/2210)(INI))

Bericht über Organspende und -transplantation: Maßnahmen auf EU-Ebene (2007/2210)(INI))
Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit
Berichterstatter: Adamos Adamou
A6-0090/2008, 01.04.08


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